Forum zur Flüchtlingssituation in Deutschland

Diskutierten über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland:

Diskutierten über die Situation von Flüchtlingen in Deutschland: Kim Tan Dinh, Dorothea Lueke, Moderator Franz Thomas Sonka, Jean Carlos Rahbe Bassil und Marion Hafenrichter (v. l.).

Lieber tot sein, als unter den Bedingungen von Krieg, Verfolgung und Ausweglosigkeit weiter leben zu müssen: Kim Tan Dinh, 1981 als Bootsflüchtling aus Vietnam nach Deutschland gekommen, ließ hautnah ein Szenario von Fluchterfahrung lebendig werden. Die Teilnehmer des Forums „Die Eine Welt ist angekommen“ in der Akademie Franz-Hitze-Haus in Münster am 12. Februar (Freitag) hatten dabei auch ein Kreuz aus Bootsplanken vor Augen, in Lampedusa gezimmert. Aufnahme, Akzeptanz und Integration von Menschen auf der Flucht wurden bei der Tagung aus vielerlei Blickwinkel beleuchtet.

Gemeinsam mit der Akademie hatte das Diözesankomitee der Katholiken im Bistum Münster diese Veranstaltung als letzte seiner Reihe „Gutes Leben für alle“ vorbereitet. Notburga Heveling, die Vorsitzende der obersten Laienvertretung im Bistum, erinnerte deshalb in ihrer Begrüßung auch an Verantwortung: „Die Gerechtigkeits-Frage lässt sich jetzt nicht mehr woanders hin transportieren.“ Auch mit ihren musikalischen Saxophon-Beiträgen blieb sie der Nachdenklichkeit verbunden.

"Wir haben viel Hilfe erfahren“

In der einleitenden Gesprächsrunde, einfühlsam von Franz Thomas Sonka (Bischöfliches Generalvikariat) moderiert, berichtete neben dem aus Oldenburg angereisten Kim Tan Dinh auch der bis vor zweieinhalb Jahren in Aleppo in Syrien lebende Apotheker Jean Carlos Rahbe Bassil über seine Motivation, mit Frau und zwei kleinen Töchtern dem herannahenden Bürgerkrieg mit seinen Bedrohungen für die christliche Familie zu entfliehen. „Wir haben keine Zukunft mehr gesehen!“ Über den Libanon gelangten sie nach Deutschland, wo der Anfang im neuen Leben nicht einfach war. „Aber wir haben viel Hilfe erfahren“, erinnert sich Rahbe an ermutigende Unterstützung auf dem Weg. Deutsch lernen, beruflich wieder ganz unten als Praktikant anfangen, um dann über Prüfungen und Zulassungen nun wieder in einer Apotheke zu arbeiten: „Vielen Flüchtlingen kann ich jetzt durch meine arabischen Sprachkenntnisse weiterhelfen.“

Dorothea Lueke berichtete über ihre Arbeit als Verfahrens-Beraterin für Flüchtlinge, die in der „Gastkirche“ in Recklinghausen Hilfe suchen. „Es ist so wichtig für die Asylbewerber, keine Zeit zu verlieren und keine Frist zu verpassen – aber wie sollen sie das ohne Unterstützung schaffen?“ Hier sah sie – ebenso wie Marion Hafenrichter vom Diözesancaritasverband Münster – auch einen Grund für zunehmende Perspektivlosigkeit bei den in viel zu langen Wartezeiten zur Untätigkeit verurteilten Menschen.

"Versagen des Bundesamtes für Migration"

In genau diese organisatorische Wunde legte auch Prof. Dr. Dietrich Thränhardt, der „Vater der Migrationsforschung“, so Tagungsleiter Dr. Christian Müller, seine Ausführungen zu Akzeptanz und Aufnahme der Flüchtlinge. Dem guten Einsatz der Kommunen und der Ehrenamtlichen stellte er ein Versagen des Bundesamtes für Migration, aber auch des Innenministeriums angesichts von Asylantrags- und Bearbeitungsstau gegenüber. „Viele Pfarrgemeinden haben sich im Einsatz für die Fremden übrigens geradezu neu erfunden“, beleuchtete er die „Welt“-Schlagzeile „Flüchtlingskrise führt Kirche aus der Krise“.

Die insgesamt derzeit eher „desintegrative Situation“ der ständigen Provisorien, bei der das Ehrenamt so manche Löcher stopfen müsse, verlange nach tiefgreifenden System-Veränderungen. So fordert Thränhardt klare Perspektiven auf Integration, mehr Strukturierung der ehrenamtlichen Arbeit, mehr Sprach- und Orientierungskurse, bessere schulische Integration – vor allem auch unter Einbeziehung von Pädagogen aus den Reihen der Flüchtlinge. Man müsse zwar einerseits die Grenzen kontrollieren, aber parallel dazu rasch Möglichkeiten legaler Einwanderung und Arbeitsmigration schaffen. „So wird sich in Deutschland das derzeit zunehmende Gefühl von Kontrollverlust verändern lassen“.

"Grundgesetz als gemeinsame Grundlage"

Welche Aufgaben sich für Politik, Kirche und Gesellschaft aus den aktuellen Anforderungen ergeben, darüber diskutierte man abschließend gemeinsam. Die Rolle der Medien spielte bei den Fragen und Beiträgen aus dem Plenum eine wichtige Rolle – fehlende sachliche Auseinandersetzung mit den Rechtspopulisten und sinkendes Niveau im Internet oder Talkshows beklagten viele. „Sehen wir doch verstärkt auf unser Grundgesetz als gemeinsame Grundlage für Deutsche wie für die zu uns Kommenden“, erinnerte Gabriele Erpenbeck, die ehemalige Ausländerbeauftragte Niedersachsens an die dort verankerten Werte. Auch Jochen Köhnke aus dem Dezernat für die Koordinierung von Migration und interkulturelle Angelegenheiten bei der Stadt Münster brachte ermutigende Beispiele. So kämen hier rund 2.400 Ehrenamtler auf die derzeit etwa 4.300 Geflüchteten – für ihn ein wunderbares Zeichen für eine wachsame Stadtgesellschaft.

Sie seien um vielerlei neue Gesichtspunkte bereichert worden, so zogen etliche der Forums-Teilnehmer Bilanz. Viel Beifall bekam Gabriele Erpenbeck schließlich für ihre Antwort auf die Frage von Moderator Ulrich Jost-Blome, was sie denn als Kanzlerin heute sagen würde. Das bekannte Wort „Wir schaffen das“ aufnehmend, ergänzte sie es aber um ein „wenn jeder an seinem Platz seine Aufgabe gut wahrnimmt und erfüllt“ und machte es so zu einem ermunternden Schlusswort.

(13.02.2016)

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