„Welche Verantwortung hat die Kirche und damit wir alle?“, wandte sich Brigitte Lehmann, Vorsitzende des Diözesankomitees im Bistum Münster die über 80 Teilnehmenden, die zum Liudgerempfang in die Kolping-Bildungsstätte nach Coesfeld gekommen waren. „Als getaufte Christinnen und Christen müssen wir diese Frage ernst nehmen und ihr uns stellen.“ Der Heilige Liudger sei sich seiner Verantwortung bewusst gewesen und hätte dementsprechend gehandelt. „Wir können nicht wegsehen angesichts der Krisen in der Welt“, mahnte Lehmann.
Ihr Co-Vorsitzender Ulrich Vollmer nahm den Ball auf und stellte die Frage, wie die katholische Kirche diese Aufgabe angehen könne? Und mit wem? Antworten zu finden, sei dringender denn je. Denn, „wir alle erleben aktuell, die internationale Solidarität schwindet. Mächte, die fürchten, zu den Verlierern der Weltgeschichte zu gehören. Demokratien, die lange partnerschaftlich für eine regelbasierte Weltordnung eingetreten sind, geraten in die Krise“, skizzierte Vollmer ein bedrohliches Bild der momentanen Weltlage.
Friederike Bude vom Bistum Münster: „Sie sind die reflektierte Stimme unseres Bistums.“
In ihrem Grußwort dankte Friederike Bude, Leiterin des Fachbereich Kirche in Gesellschaft im Bischöflichen Generalvikariat Münster, den Anwesenden herzlich für ihr großes Engagement, für deren „Nicht-Lockerlassen“, ihre „Freude am Aufbruch“ und dafür, dass „Sie sich immer wieder neu einlassen andere zu inspirieren“. Das Bistum Münster werde nicht umsonst das Verbändebistum genannt. „Sie sind die reflektierte Stimme unseres Bistums. Und wir alle sind Kirche in Welt und Gesellschaft, nicht Außenstehende. Sie als Verbände sind neben Ihrem gesellschaftlichen Auftrag auch wichtig für unseren innerkirchlichen Prozess. Mut mache ihr, dass „wir die Hoffnung teilen, dass die Krisen in der Welt am besten durchgestanden werden können, wenn wir uns ihnen gemeinsam stellen“. Für Bude ein beruhigender Gedanke.
Thomas Söding, Professor für Neutestamentliche Exegese an der Ruhr-Universität Bochum und Vizepräsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, hat in seinem Vortrag „Glauben mit anderen – für andere“ die Verantwortung der Kirche für die Gesellschaft hervorgehoben. „Die Kirche wird gebraucht als eine Glaubensgemeinschaft, die aus ihrer Glaubensmotivation heraus gesellschaftlich wirksam ist.“ Dafür, dass es die Kirche brauche, führte Söding einen guten Grund ins Feld: die frohe Botschaft Jesu Christi. Dass die Kirche im Namen eines Herrn unterwegs sei, der „Hoffnung“ zu vermitteln vermöge, unterscheide die Kirche von anderen gesellschaftlichen Gruppen.
Professor Thomas Söding: Hoffnung als Aufgabe
Hoffnung sei nach Söding eine theologische Tugend, die letztendlich davon lebe, in jeder Krise auch die Chance zu sehen, die einen neuen Horizont eröffnen würde, den man mit Leben füllen könne. „Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Hoffnung auszubuchstabieren, die entscheidende Aufgabe der Kirchen von heute ist.“ Aus dieser Haltung heraus erwachse eine starke Kritik gegenüber dem Unrecht auf der politischen Weltbühne, die „Nein“ sage zu den problematischen Entwicklungen, wie der Leugnung der Klimakrise bis hin zu den gegenwertigen Kriegen, die „sogar im Namen Gottes“ ausgeführt würden. „Es sind wenige, Gott sei Dank, gehört Papst Leo dazu, die die Fähigkeit besitzen, sich nicht mit dem abzufinden, was ist, sondern eine Hoffnung zu haben, dass es für andere, auch für einen selbst, besser werden kann und muss“, so Söding weiter.
Gleichzeitig öffne die Kirche Räume für Gott. „Das ist in massiven Krisensituationen ganz besonders wichtig“, betonte der Theologe. „Ich sage das unter dem Aspekt, dass es eine enorm diakonische, gesellschaftliche und politische Aufgabe der Kirche ist, diese Räume zu öffnen und zu füllen.“ Angesichts fundamentalistischer Strömungen brauche es auch in der Kirche die „Stimme der Vernunft und die Fähigkeit, das, was Glaube ist, zu verstehen, zu kritisieren, weiterzuentwickeln und Räume zu schaffen, in denen das Verhältnis von Glaube und Vernunft konkretisiert werden kann“. Den Schulen komme dabei eine wichtige Aufgabe zu. „Deswegen gehört Religionsunterricht auch in das staatliche Schulsystem hinein.“
Söding betonte, dass es daher wichtig sei „Prioritäten richtig zu setzen“. Das würde zur Konsequenz haben, „die katholische Kirche personell und strukturell neu aufzustellen, wenn es wirklich eine Gemeinschaft des Glaubens ist, wenn es wirklich der Glaube ist, der das Gedächtnis an Jesus auffrischt, der die Gemeinschaft stiftet, der das Brot brechen und der die Gebete sprechen lässt“. Aber da sei das „kleine großartige Bistum Münster“ gar nicht so schlecht aufgestellt.
Landrat Christian Schulze Pellengahr: „Ihr Auftrag verpflichtet Sie dazu unbequem zu sein.“
Christian Schulze Pellengahr, Landrat des Kreis Coesfeld, freute sich in seinem Grußwort darüber, dass „Sie mit Ihrem Thema `Verantwortung der Kirchen in einer krisenhaften Welt´ ein aktuelles Thema aufgegriffen haben“. Die Gesellschaft brauche Stimmen, die Haltung zeigen und sich engagieren und ihre Stimme erheben. Deshalb sei es auch falsch, sich aus politischen Debatten herauszuhalten, wie es Bundestagspräsidentin Julia Klöckner vor Kurzem erneut von den Kirchen gefordert habe. „Wenn die Kirche ihren Auftrag ernst nimmt, dann kann sie nicht schweigen“, sprach Schulze Pellengahr den Anwesenden Mut zu. „Ihr Auftrag verpflichtet Sie dazu unbequem zu sein, wo es Not tut. Es ist richtig, dass Sie den Finger in die Wunde legen, indem Sie Verantwortung nicht nur predigen, sondern auch einfordern, ausgerichtet am Evangelium Jesu Christi. Ich danke Ihnen für Ihr Engagement.“

