Interview zum Positionspapier "Ehe- und Paarpastoral"

Eva Polednitschek-Kowallick und Dr. Markus Wonka.

Bistum Münster. Das Diözesankomitee der Katholiken im Bistum Münster fordert in einem jetzt verabschiedeten Positionspapier, der „Ehe- und Paarpastoral“ mehr Augenmerk in der kirchlichen Arbeit zu schenken. Im Interview äußern sich Eva Polednitschek-Kowallick und Dr. Markus Wonka vom Sachausschuss Ehe und Familie zu den aktuellen Standpunkten der diözesanen Laienvertretung zu Ehe und Familie.

Das Diözesankomitee betont, dass gelingende Partnerschaften eine gesamtgesellschaftliche Relevanz haben. Warum?


Dr. Markus Wonka:
In unserer Gesellschaft gilt es weithin als Privatsache, was in Partnerschaften geschieht. Allerdings wird dabei leicht übersehen, dass die Stabilität und Qualität von Paarbeziehung mit vielen anderen wichtigen Aspekten zusammenhängt. Der naheliegendste Zusammenhang ist der der Stabilität der Familie, denn die Familie beruht nun mal auf der Paarbeziehung.
Aber auch die Entscheidung für ein weiteres Kind ist nicht unabhängig von der Qualität der Paarbeziehung. Trennung und Scheidung ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein Risikofaktor für die Leistungsfähigkeit im Berufsleben, für die psychische und physische Gesundheit.
Auch in materieller Hinsicht ist Trennung und Scheidung ein Risikofaktor in der Armutsfrage mit den entsprechenden Auswirkungen auf Unterstützungsleistungen durch die öffentlichen Kassen.
Auf diese Zusammenhänge hat das Diözesankomitee mit dem Positionspapier „Die Qualität der Paarbeziehung und ihre gesellschaftliche Dimension“ deshalb schon 2008 hingewiesen und daraus die Forderung abgeleitet, „die gesellschaftliche Dimension von Ehe und Paarbeziehung stärker ins Zentrum der familienpolitischen Diskussion zu rücken“.

Parallel zur vatikanischen Familiensynode 2015 hat das Bistum Münster eine Kampagne „Ehepastoral“ gestartet. Das Diözesankomitee der Katholiken möchte dies ausweiten zu einer Kampagne „Paar- und Ehepastoral“. Worin besteht für Sie der Unterschied?


Eva Polednitschek-Kowallick:
Die Paarpastoral nimmt alle Paare in ihren verschiedenen Lebenswirklichkeiten in den Blick. Sie weitet die Sichtweise so wie Papst Franziskus schon in seinem Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ („Die Freude der Liebe“ | AL) die Lebenswirklichkeit wahrnimmt wenn er schreibt: „… nicht nur im Westen, verbreitet sich weitgehend die Praxis des Zusammenlebens der Paare vor der Ehe oder auch das Zusammenleben ganz ohne die Absicht, eine institutionalisierte Bindung einzugehen“ (AL 53). Und weiter schreibt er über Zivilehen: „Diejenigen, die zur Kirche gehören, brauchen eine barmherzige und ermutigende seelsorgliche Zuwendung“ (AL 293). Papst Franziskus prägt den Begriff der Gradualität in der Seelsorge und stellt damit die Prozesshaftigkeit bei der Verwirklichung von Idealen in den Vordergrund.
Es geht darum, diesen Ansatz der Wirklichkeit wahrzunehmen, Begleitung anzubieten und Paare egal in welcher Lebenssituation sie leben, zu stärken. Nicht zuletzt möchte die Kampagne „Ehepastoral“ zu einer Auseinandersetzung über die religiöse Dimension von Partnerschaft und Ehe einladen.

Warum möchten Sie, dass es neben Ehepaaren auch um andere Paare geht?


Wonka:
Es geht darum, die Lebenswirklichkeit wahrzunehmen: Viele Paare leben vor der Ehe schon lange Zeit zusammen, wollen vielleicht gar nicht heiraten oder leben nach einer Ehe in einer erneuten Partnerschaft. Uns geht es darum, alle Paare im Blick zu behalten.

Das Diözesankomitee ruft dazu auf, dass die Ehe- und Paarpastoral einen zentralen Stellenwert erhält. Was bedeutet das für Sie konkret?


Polednitschek-Kowallick:
Zunächst – es bedeutet nicht, dass wir zu einem neuen Aktionismus für Paare auffordern wollen. Die Kampagne, die auch das Diözesankomitee mit seinem Papier unterstützt, möchte dazu einladen eine „Paar-Brille“ aufzusetzen. Das heißt, einmal zu schauen, in welchen Angeboten begegnen wir Paaren im pastoralen Alltag. Gibt es vielleicht Angebote, die man ohne großen Aufwand durchführen kann und Paare einladen kann. Dabei geht es um Besinnung, Spaß und Reflexion. Das kann ein Valentinsgottesdienst sein, eine Paarauszeit im Rahmen der Erstkommunionvorbereitung, ein Filmabend, zu dem als Paar eingeladen wird oder die Einladung zum Grillabend aller Paare, die Silberhochzeit gefeiert haben. Da gibt es viele Möglichkeiten – die auch noch Spaß machen können.

Viel wird in der katholischen Kirche in der Ehevorbereitung getan. Wo sehen Sie hier die Möglichkeiten für eine gelingende Paarbeziehung?


Polednitschek-Kowallick:
Die Ehevorbereitungskurse werden an einer Schnittstelle, einer schon oft langen Paargeschichte, besucht. Während der Vorbereitungszeit stellen sich für das Brautpaar viele existentielle Fragen, wie das Thema Verbindlichkeit, Kinderplanung und das Versprechen „ein Leben lang“ zusammen zu bleiben. Nicht zuletzt stellt die Planung der Hochzeitsfeierlichkeiten selbst viele vor eine große Herausforderung. Diese spannende und aufregende Zeit kann auch zur Krisenzeit werden.
Dabei kann das Angebot der Ehevorbereitung auf dem Weg zur kirchlichen Trauung eine Auszeit sein, eine Möglichkeit der Reflexion bieten und die religiöse Dimension der kirchlichen Trauung vertiefen helfen.

Sie möchten aber auch, dass Paare dauerhaft begleitet werden. Welche Angebote gibt es in diesem Bereich?


Wonka:
Ja genau, die Begleitung von Paaren sollte mit der Ehevorbereitung nicht aufhören. Schließlich ist es ja nicht so, dass die Welt ein für alle Mal in Ordnung ist, wenn man im Hafen der Ehe angelangt ist. Vielmehr erwarten jedes Paar vielfältige Herausforderungen. Hier gilt es, Begleitung anzubieten. Im Bistum Münster gibt es da verschiedene Angebote unterschiedlicher Anbieter: geistliche Tage, Wochenendseminare, Kommunikationskurse und Oasentage. Und schließlich gehörte auch die Eheberatung dazu, die nicht nur in schweren Krisenzeiten aufgesucht werden kann, wenn es darum geht, Begleitung bei der Klärung von Konflikten zu bekommen.

Welche besonderen Herausforderungen stecken in einer biografiebezogenen Paarbegleitung?


Polednitschek-Kowallick:
Paararbeit ist immer biografisch. Wenn Paare eigene Themen besprechen und sich mit Fragen ihrer Beziehung befassen, geht es immer um das was gestern war und morgen sein wird. Es geht immer darum, wie man enttäuscht wurde, was man sich vielleicht eigentlich gewünscht hätte und welche Veränderungen angestrebt werden sollen. Biografiearbeit schaut darauf, warum wir so geworden sind, wie wir sind. Sie lässt aber auch die Hoffnung zu, dass Veränderung möglich ist und wir – auch als Paar – nicht festgefahren in unseren Mustern und Verstrickungen sein müssen.

In Schule und Jugendarbeit sollte nach Meinung des Diözesankomitees Beziehungsfähigkeit eingeübt werden. Wie geht das?


Polednitschek-Kowallick:
Das Diözesankomitee fordert auf, dieses Thema verstärkt im Unterricht einzuplanen und empfiehlt Fortbildungen und Kurse im Curriculum zu verankern. Es ist gut, dass diese Forderung als Stärkung aufgenommen wurde, auch wenn in unserem Bistum es eine lange und gute Tradition ist, dass es die „Tage religiöser Orientierung“ für die Jahrgangsstufen 9 gibt. In diesen Tagen können Jugendliche verschiedene Themen, wie auch „Liebe, Freundschaft, Sexualität“ ansprechen.
Auch die Schulabteilung unterstützt Lehrer, wenn sie dieses Thema im Unterricht oder Auszeiten anbieten wollen. Darüber hinaus bietet das Referat „Junge Erwachsene“ mit dem Netzwerk „Flügge“ viele Angebote für junge Menschen im Bereich Beziehungsfähigkeit an.

Wie Papst Franziskus wünscht sich die Laienvertretung im Bistum einen anderen Umgang mit Menschen, deren Ehen gebrochen sind. Wie sollte dieser Umgang aussehen?


Wonka:
Auch hier gibt das Schreiben Amoris Laetitia gute Hinweise, wie der Umgang mit Brüchen und Krisen aussehen könnte: „begleiten, unterscheiden und eingliedern“. Das Diözesankomitee mahnt an, dass im Umgang mit diesen Menschen eine rein moralisierende oder rechtliche Perspektive zu kurz greift. Es kann nicht sein, dass alle diese doch sehr unterschiedlichen Lebenssituationen über einen Kamm geschoren werden – und schlimmstenfalls als schwere Sünder qualifiziert werden. Auf der anderen Seite aber geht es auch darum, Barmherzigkeit nicht als billige Gnade zu verkaufen. Der angemessene Weg kann nur darin bestehen, dass Menschen darin begleitet werden, sich ihren Lebensthemen, ihrem Gelingen und ihrem Versagen zu stellen und letztlich dann ihren Frieden mit Gott finden.

Auch den Staat nimmt das Diözesankomitee in die Pflicht. Was könnte er mehr tun?


Wonka:
Der Blick und die Unterstützung von Familien ist sicherlich gut und sinnvoll. Bei jeder Regierungsbildung steht die Frage obenauf, wie eine angemessene Unterstützung von Familien aussehen kann. Doch wie sieht es aus bei der Frage nach den Rahmenbedingungen für stabile Paarbeziehungen und Ehen? Nach wie vor beteiligt sich der Staat mit maximal 20 Prozen an der Paar- und Eheberatung! Maßnahmen zur Ehevorbereitung und -begleitung werden vielleicht im Rahmen der Bildungsarbeit randständig gefördert. In den USA gibt es Bundesstaaten, die eigene Programme zur Vorbereitung von jungen Paaren auf die Ehe aufgelegt haben – weil der Staat erkannt hat, dass letztlich auch er selbst von stabilen Zweierbeziehungen profitiert. Da ist noch viel Luft nach oben!

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Dezember 2017

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