Die Verbände und die neuen Pfarreistrukturen

Andreas Fritsch, Leiter der Stabsstelle Strategiebereich Pastoralentwicklung im Bischöflichen Generalvikariat in Münster.

Die Strukturen des kirchlichen Lebens sind derzeit einer enormen Veränderung unterworfen. Dies hat Folgen für die kirchlichen Verbände. Wir befragten dazu Andreas Fritsch, Leiter der Stabsstelle Strategiebereich Pastoralentwicklung im Bischöflichen Generalvikariat in Münster.

Gemeinde, Kirchengemeinde, Pfarrei – es gibt eine Vielzahl von Bezeichnungen, die häufig synonym benutzt werden. Was bezeichnen die eigentlichen Begriffe?

Fritsch: Aus der Vergangenheit sind wir sehr stark gewohnt, die unterschiedlichen Ebenen der Pastoral vor Ort zusammen zu denken. Dies drückt sich aus in dem vertrauten Begriff Pfarrgemeinde. Die Unterscheidung relevanter Begriffe macht deren besondere Prägung, aber auch das Zueinander sichtbarer.

Die Pfarrei wird im Kirchenrecht folgendermaßen definiert: „Die Pfarrei ist eine bestimmte Gemeinschaft von Gläubigen, die in einer Teilkirche auf Dauer errichtet ist und deren Seelsorge unter der Autorität des Diözesanbischofs einem Pfarrer als ihrem eigenen Hirten anvertraut wird“. (CIC, Can 515 §1). Die Pfarrei ist in der Regel territorial definiert. Die Pfarrei ist die Ebene, auf der das Pastoralteam eingesetzt und die Verwaltung der Pfarrei angesiedelt ist. Der Pfarrei obliegt die Sorge für die kirchlichen Grundfunktionen: Liturgie, Verkündigung, Dienst am Nächsten und an der Gemeinschaft.

Der Begriff Gemeinde beschreibt stärker die Qualität dessen, was sich ereignet. Gemeinde ist dort gegeben, wo das Evangelium und die Lebenswirklichkeit aufeinander treffen. Sie ist pastoral in die Pfarrei eingebunden. Gemeinden sind entweder durch Orte geprägt, an denen sich Menschen versammeln (territoriale Gemeinde) oder durch Lebensräume, Anliegen oder Themen (personale Gemeinde). Gemeinden können sich verändern, sich spezialisieren oder differenzieren. Sie können unterschiedlicher Intensität und Dauer sein, zuweilen auch ein Ende finden. Gemeinden genügen nicht sich selbst, dienen im Sozialraum und verstehen sich als Teil der Kirche.

In staatskirchenrechtlichen Zusammenhängen wird weiterhin der Begriff „Kirchengemeinde“ verwendet, da dieser im Vermögenverwaltungsgesetz NRW Anwendung findet. Er bezeichnet in solchen Kontexten nichts anderes als die kirchenrechtlich errichtete Pfarrei.

Eine Pfarrei besteht aus mehreren Gemeinden. Wie kann man sich das vorstellen?
 
Fritsch: Folgt man dieser beschriebenen inhaltlichen Unterscheidung, dann können Pfarreien als Gemeinschaft von Gemeinden verstanden werden. Diese Gemeinden sind unterschiedlich stabil, widmen sich unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten oder wenden sich an besondere Zielgruppen. Die Pfarrei sorgt für deren Vernetzung und das Wissen umeinander. Die einzelnen Gemeinden wiederum vertreten ihr Anliegen gegenüber anderen Gemeinden sowie der Pfarrei. Das Wort Gemeinschaft von Gemeinden sagt auch: Es geht nicht ohne die jeweils anderen mit ihren Erfahrungen, Perspektiven, Menschen, die sich ihnen verbunden wissen.

Wo sehen Sie die Chancen dieses geänderten Verständnisses von Pfarrei und Gemeinde?

Fritsch: Die große Chance dieser Differenzierung liegt in der stärkeren Wahrnehmung der Vielfalt kirchlichen Lebens in einem bestimmten Territorium. Es wird sozusagen eine Landkarte der Vielfalt kirchlicher Orte und Gelegenheiten sichtbar, die bereits existieren und an denen sich Menschen aus ihrem Glauben heraus in Dienst nehmen lassen für die Humanisierung der Gesellschaft. Sie tun dies mit ihrem je eigenen Profil, z.B. in Katholischen Kindertageseinrichtungen und Schulen, in der örtlichen Pfarrei, in Einrichtungen der Caritas, der Ehe-, Familien- und Lebensberatung, in Katholischen Krankenhäusern und Altenhilfeeinrichtungen und eben auch in den katholischen Jugend- und Erwachsenenverbänden. So wird der jeweilige Sozial- und Lebensraum als gemeinsamer Entwicklungs- und Handlungsort von Kirche zur zentralen Bezugsgröße kirchlichen Handelns. Den Menschen vor Ort mit all dem, was ihr Leben ausmacht, hat Kirche unter der Perspektive des Evangeliums zu dienen.

Was bedeutet diese Veränderung für die katholischen Verbände?

Fritsch: Ich glaube, dass die Unterscheidung von Pfarrei und Gemeinde und die Frage, ob sich ein katholischer Verband im beschriebenen Sinne als Gemeinde versteht, eine wesentliche Frage in den Blick nimmt. Verstehen wir uns als Verbandsgruppe als solch einen Ort, an dem das Evangelium wirklich unser Menschsein, unsere Arbeit, unseren Einsatz für Andere prägt? Worin wird dies für Menschen erfahrbar und sichtbar? Im so verstandenen Sinne kann sich eine örtliche Verbandsgruppe als Gemeinde verstehen, muss es aber nicht.

Darf jetzt ein Verband nur noch auf Pfarreiebene bestehen oder kann es ihn auch auf den diversen Gemeindeebenen geben?

Fritsch: Die Entscheidung darüber, wie sich ein Verband vor Ort organisiert und strukturiert, ist und bleibt in der Verantwortung des jeweiligen Verbandes. Dort gilt es zu klären, wie der Verband seinem eigenen inhaltlichen Schwerpunkt und Anliegen am ehesten entsprechen kann. Versteht er sich im oben beschriebenen Sinne als Gemeinde wäre zu klären, wie den Menschen im jeweiligen Sozial- und Lebensraum dann auch strukturell am besten gedient ist. Dies mag auch zur Frage führen, ob eine oder mehrere Verbandsgruppen in einer Pfarrei sinnvoll und hilfreich sind.

Bietet das neue Verständnis Chancen für die Verbände? Birgt es Gefahren?


Fritsch: Die Unterscheidung von Pfarrei und Gemeinde bildet einen starken Impuls, die gemeinsame Sendung der Kirche vor Ort als zentralen Orientierungspunkt jedweder Pastoral in den Blick zu nehmen. Hier bringen territoriale Gemeinden, Einrichtungen, Organisationen und Verbände ihr spezifisches Profil und ihre je eigenen Schwerpunkte, Erfahrungen und Zugänge mit ein. Die Fokussierung auf diese Sendung, dem Heute Gottes in den konkreten Lebenserfahrungen und -kontexten der Menschen zu dienen, stärkt das Bewusstsein, gemeinsam Kirche zu sein und immer mehr zu werden. Wenn sich die Verbände hierin mit ihrem Profil einbringen, entsteht eine – vielleicht neue – Sicht auf die gemeinsame Verantwortung für die Menschen.

Wenn dieser Prozess der eigenen Profilierung und der wechselseitigen Vergewisserung in Freiheit, Offenheit und Wertschätzung gestaltet wird und die Erfahrung der gemeinsamen Sendung handlungsleitend ist, gibt es für alle Beteiligten nur Vorteile.

Nur dort, wo die Wertschätzung und Achtung des Anderen nicht erfahrbar wird, können Kränkungen und Missverständnisse entstehen. Dies gilt allerdings für jedwede Form der Kooperation und Kommunikation unterschiedlicher Akteure.

Sollte das geänderte Verständnis von Gemeinde und Pfarrei nach Ihrer Meinung auch Auswirkungen für die regionale und diözesane Ebene der Verbände haben?

Fritsch: Es ist nicht angemessen, hier den Verbänden Hinweise zu geben. Ich kann nur ermutigen und einladen, auf dem Hintergrund der begrifflichen Unterscheidung von Pfarrei und Gemeinde und der hiermit verbundenen Perspektiverweiterung die Frage der Profilierung des Verbandes in Orientierung an der gemeinsamen Sendung der Kirche zu stellen.

Was empfehlen Sie dem Diözesankomitee mit Blick auf das Thema „Verbände und neue Gemeindestrukturen“?


Fritsch: Das Diözesankomitee kann und sollte der Ort sein, an dem die Verbände miteinander über diese Fragen ins Gespräch kommen und ihre je eigenen Perspektiven, Erfahrungen und Ideen einbringen. Womöglich kann eine Veranstaltung, die hierfür mehr Zeit einräumt, hilfreich kann. Wenn es darum geht, den jeweiligen Sozial- und Lebensraum als gemeinsamen Entwicklungsraum der Pastoral zu verstehen, müsste sich dies auch im Veranstaltungsformat selbst widerspiegeln, indem Vertreterinnen und Vertreter sowohl der Verbände wie auch der „verfassten“ Kirche über diese Fragen miteinander in einen qualifizierten Austausch kommen.

(27.06.2017)

Diözesankomitee
der Katholiken

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T 02 51 495-563
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